nase

dem alten mann im konsum lief die nase. erbarumgslos tropfte die nase. er stand zittrig im laden, direkt vor mir und nannte seine buttermarkennummer…die butter war ihm aber doch zu teuer. er nahm die günstigere magarine, ein halbes brot, drei ganze salzheringe und eine flasche rapsöl. das würde reichen bis zum nächsten wocheneinkauf.

er wohnte nebenan, noch in den trümmern seines eigenen grundstückes in dem seine familie in den bombennächten des auslaufenden krieges umkam. er selbst war zu der kriegszeit 59 jahre alt, jung genug für den volkssturm und kriegsverwendungsfähig.. trotz einer halben lunge, einer verletzung aus dem krieg davor.  er sollte mit einer panzerfaust die heranrückenden amerikaner aufhalten, die ein paar tage zuvor seine/meine heimatstadt, nachts, bei einem der letzte bombenangriffe in schutt und asche legten. sein haus brannte dabei bis auf die grundmauern ab. nach kurzer gefangennahme wurde der alte mann im mai 45 nach „hause“ entlassen. die zerbombte stadt brannte nicht mehr, sie glimmte nur noch.

er fand seine familie, danach sei er wahnsinnig geworden, sagten die nachbarn aus den nicht zerstörten häusern. in den 60’ern musste keiner mehr in trümmern wohnen, auch im osten nicht, auch der alte mann nicht. der mann hatte sich in seinem trümmergrundstück eingerichtet. zwei kellerräume (küche, schlafzimmer und sehr viel keller) reichten ihm. er kam mit der zugeteilten kohle auch über die langen winter zurecht. strom und wasser hatte er (sehr lange) nicht. wir halbwüchsigen waren sehr frech in diesen trümmergrundstücken. uns gehörte die halbe stadt. die ander hälfte mussten wir an eine stärkere bande abtreten. am stärksten war die bande, die über die trümmer des lager doras herrschte. da trauten wir uns nicht ran; das ging in ein stollensystem. auch den alten mann liessen wir in ruhe. seine nase lief immer.. man konnte sich die tränen hinzu denken.

dann kam ein sehr kalter winter, mitte der sechziger jahre. wer konnte, sollte kohle mit in die schule bringen. zusätzlich für privathaushalte gab es nichts. dazu war alles total verschneit, irgendwie romantisch für uns. weil die schule nicht mehr beheizt wurde,  gab es ein paar tage mehr winterferien. wir genossen die langen freien februartage auf schlitteneisbahnen. das trümmergrundstück des alten mannes war unter den schneemassen nicht mehr auszumachen. es bemerkte keiner, dass eine aschetonne weniger an der strasse stand.

nachdem frühjahrestauwetter fiel uns spielenden kindern zuerst eine halbverhungerte katze auf. sie war so dünn geworden, dass sie wieder durch die holzverschlaggatter der kellerwohnung passte. wir kannten sie noch als fetten scheuen kater. ein paar tage später hingen sehr dicke neue vorhängeschlösser am zugang zur kellerwohnung des alten mannes.

das grundstück blieb bis zur wendezeit (1990) verschlossen. die vorhängeschlösser waren verrostet.

alle findelkatzen die wir bis dahin aufzogen, kamen aus diesem trümmergrundstück.

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