wir hörten ndr2…

…von einem radio, dessen plombe manipuliert war. es war weinachten 1973. kurz zuvor hat uns ein lkw, marke ural, in elmenhorst (bei klütz) abgekippt. wir, zehn neue novemberrekruten der nva,  hatte keinerlei orientierung. wir kamen von der funkorterausbildung in altwarp bei ückermünde…und, auch hier roch es nach ostsee. und, auch hier war der rotarschempfang überaus herzlich. „rotarsch“, wohl wegen der roten turnhosen beim frühsport, der seit dem 1. november obligatorisch war.  ich bekam eine schlafstelle in der dritten etage einer ehemaligen luftwaffenhelferbaracke zugewiesen.  meine erste order war, heizen, so richtig mit kohle, weil der ek* , der am offnen fenster schlief, etwas friert. natürlich heizte ich, und schwitzte  – zweimal. einmal beim heizen einmal in meinem bett, dritte etage. würde ja nicht lange sein, höchstens bis april. dann zweite tage und in einem jahr würde ich den fensterplatz vom frierenden ek haben. schöne aussichten. . egal, ich war einfach nur müde…und schlief oben, fast nackt. die luft war miefig und warm so kurz unter der zimmerdecke. die ek’s sagten „rotarschbraten“ zu dem, was sich da gerade abspielte. und mir lief der schweiss ja wirklich aus allen poren, da oben… in etage drei.

ek* = entlassungskandidat

zum glück war hier in elemenhorst nicht mehr frühsport in „rotgelb“ (rotes turnhemd/ gelbes unterhemd) angesagt, denn dabei fror man sich den abends erhitzten arsch gleich wieder ab.  man durfte tatsächlich den kompletten trainingsanzug anbehalten. überhaupt waren wir zehn neuen die einzigen, die noch beim frühsport mitmachten. alle anderen liefen noch mit ..bis um die ecke der baracke und warteten, bis wir vom dauerlauf zurück kamen. die paar ek’s blieben gleich im bett. das frühstück hatten wir ihnen mitzubringen.

natürlich habe ich zur vereidigung in teterow, nach der grundausbildung,  keine verwandten einbestellt. nicht die mutter, nicht die verlobte… niemanden. ich schämte mich noch immer ein bisschen wegen der kurzen haare und vermisste die langen.  ich hatte die eidesvereidigungsformel auch nicht mitgesprochen, war mir egal ob ich kontrolliert werde. hatte aber keiner kontrolliert …oder wollte nicht. den job den ich zu machen hatte, luftraumüberwachung auf einer 08-meterstation hatte ich jedenfalls begriffen. genauso wie mein kumpel eggi. zwei mann gingen ab, zwei kamen neu hinzu. wehrpflichtigendienstausfall wegen uneidlicher falschaussage war nicht eingeplant. na gut, ein problem weniger. man wurde wohl tatsächlich gebraucht.

die weiteren schikanen fielen mässig aus, je nachdem, wie man sich im dienst anstellte. wache konnte man vernachlässigen – luftraumüberwachung nicht. die belegung des nato-flugplatzes in jagel konnte ich singen. lieber luftraumstationsdienst als tröge wache schieben. kurz vor weihnachnachten, nachdem wir den dreh mit luftraumüberwachung raus hatten, man konnte auch sagen intensivst trainiert bekamen, wurde es nahezu gemütlich. die ek’s wollten in heimaturlaub, das ging nur, wenn sie uns rotärsche soweit hatten, dass wir wenigstens die starts vom hamburger flughafen fehlerfrei lesen und melden konnten.

lesen hiess: ziele, die starts und landungen vom grossflughafen auf dem kreisförmigen montior mit einem abwaschbaren gelben fettstift markieren und an den gefechststand, ein paar hundert meter weiter, fehlerfrei melden. so entstand denn ein luftlage.

die luftlage um weihnachten war regelmässigen entspannt, wenigten’s 1973 und 1974 als ich wehrpflichtig war. ausserdem waren wir durch diverse getränke sowas von entspannt, wir konnten es gar nicht anders sehen.

es dauerte nicht lange bis ich mitbekam, dass einer von uns neuen eine gitarre mit dabei hatte. es war der einzige ältere, der nach dem studium eingezogen wurde; eine besonders harter lebenseinschnitt. der ältere hiess knut und beherschte dieses instrument derart gut, dass es etwas später für eine spontane armeesingegruppe reichte. knut war fertig studierter bühnenbildner an einem der landestheater der republik. die gitarre hatte er dabei, um während der 18 monate wehrpflicht nicht vollkommen zu verblöden, sagte er mir. eigentlich malte er lieber. das machte sich aber nicht so gut, wenn wir die benachbarte kompanie der russen zum „kulturaustausch“ besuchten.

für weihnachten, hatten wir dank knut, richtige echt gesungene, handgezupfte weihnachtslieder im kulturraum dieser nva-kompanie. wir durften sogar im trainingsanzug dort sitzen. es war fast so zivil wie in der kirche. und knuts liedansagen klangen fast wie eine predigt. nachdem wehrdienst,nahm ich mir vor, muss ich mal an weihnachten in eine kirche gehen, wo richtig gesungen wird.

die defekte weihnachtsplatte mit: „erzgebirgsweihnacht, wie bist du schie…“, wurde diesmal nicht im kompanieklubraum aufgelegt. wir tranken unsere clubcola, nachdem der politoffizier der kompanie seine weihnachtsansprache weltfriedensmässig beendet hatte. wir tranken noch viele clublokals an diesem abend. irgendwie hatte der weihnachtsmann einen braunen untergemischt, trotz strengstem alkoholverbot. knut spielte noch ein paar lustige lieder. und dann war schon 22 uhr – heiligenachtruhe.

die benachbarten russensoldaten machten dasselbe mit dem luftraum, wie wir; ein paar kilometer weiter westwärts, richtung grevesmühlen.eigentlich war es egal ob unseres stationen liefen oder nicht. sie hatten genau dieselbe lage auf dem schirm wie wir. und nur diese lage galt als amtlich. nur einmal im monat, wenn die technik der russen dringend gewartet werden musste, wurden wir „scharf“ geschaltet. an diesem tag kam es also auf uns an. das essen wurde dann schlagartig verbessert und es war sogar sonderurlaub drin, wenn wir mehr sahen, als die „freunde“.

ich sah einmal mehr, an diesem tag, kurz nach weihnachten.  fliegerangriff auf die staatsgrenze!!! allerdings gaaanz laaaangsam. aber immerhin – konsequenter ostkururs. sehr tief fliegend und gaaaanz laaaangsam. alle tornados, starfighter  und sonstige kampfflieger der nato fielen für diesen laaangsaaamangriff als zu meldendes ziel aus. na gut, vl. eine hubschrauber , vl. eine alouette  oder wie auch immer diese französischen dinger hiessen. die staatsgrenzschützer auf ihren beobachtungstürmen in grevesmühlen wurden vom diensthabenden unteroffizier arlamiert,  sicherheitshalber noch die „grenzbrigade küste“.(die berufsoffiziere waren noch im weihnachtsurlaub, oder hatten sich sonst irgendwie verdrückt). tatsächlich: etwas kam mit einem weissen streifen auf die beobachter zugerauscht und drehte kurz vorm grenzzaun provokatorisch ab. das ganze feindliche manöver wurde noch fünfmal wiederholt. dann war der fliegende düngerstreuer im schleswig-holsteiner zonenrandgebiet mit dem kartoffelacker fertig.

die startbereiten nva-mig-kampfflugzeuge in trollenhagen konnten ihre triebwerke wieder abschalten. irgendwer hatte wohlweislich die raketenstellungen gar nicht erst informiert.

ein nva-oberst fragte noch nach, welcher idiot sowas gemeldet hat. dieser idiot bekam aber letztendlich noch ein lob vor der truppenfahne – auch blick in den himmel genannt.

blick in den himmel bedeutete: keine schwierigkeit am wochende ausgang zu bekommen, sich auf eigene kosten besaufen zu können, denen, die nicht rauskönnen, schnaps  mitbringen. sie hatten ja gesammelt. und zum einschlafen ndr2 hören: seasun in the sun

ein neues jahr wird kommen noch mehr als dreihundertfünfundsechsig tage…

p.s.: das radio war verplomt und auf „dt 64“ eingestellt. plomben knacken und einen kaffeekocher aus rasierklingen herzustellen, hatte ich als erstes in dieser kompanie gelernt.

 

 

 

 

 

 

 

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