die russischlehrerin

fräulein apelt, liess uns machen, liess uns machen, wenn wir sie nicht allzusehr ärgerten. fräulein apelt war mittelgross, hatte eine kinderlähmung überstanden und ging am stock. ihr gesicht war bestimmt mal hübsch gewesen. ein paar pockennarben entstellten es etwas. auf der nase sass eine einfache rundbrille im john-lennon-look; das passte sogar zu ihren strähnigen halblangen haaren.keiner wusste, wie alt fräulein apelt tatsächlich war und warum sie nur russisch unterrichtete. später erfuhr ich, dass nicht genug schüler freiwillig französisch, was sie ebenfalls unterrichtete, lernen wollten, so dass der kurs nicht voll wurde.

pflichtfach russisch lernte nur, wer weiter als über die achte hinaus in der schule bleiben wollte, damit er irgendwie die zehnte schafft. ich hatte eine schwache hoffnung sogar die dreizehnte zu schaffen und arrangierte mich mit fräulein apelt. das fing damit an, dass ich sie konsequent frau apelt nannte. sie korrigierte mich nicht, ihre augen lächelten etwas. mehr unbeabsichtigt, so dass es in der klasse nicht auffiel, hielt ich ihr die tür auf, wenn die zeit kommen musste, da sie eintreten würde. hin und wieder trug ich ihr die hefte der klassenarbeiten ins lehrerzimmer nach. wichtig war, dass es zufällig wirkte. es gab ja noch die scharfmacher in der klasse. die, die mit ihrer abneigung gegen das fach russisch und der lehrerin dazu keinen hehl machten. die fräulein/frau apelt hin und wieder zum heulen brachten. die auf ihre dummheit stolz waren und sich nicht helfen lassen wollten. die, die wussten, dass sie sitzenbleiben oder abgehen würden. faul waren wir, die jungen durch die bank, bis auf die zwei, die das abitur machen und arzt werden wollten. die mädchen wollten kein abitur machen, waren aber sprachbegabter. ich versuchte daher, in den russischstunden mehr in ihrer nähe zum sitzen zu kommen. mein problem war, dass ich furchtbar pubertierte und in zwei mädchen der klasse gleichzeitig verliebt war. die waren auch verliebt, aber nicht in mich. jedenfalls stress genug, um nur am rande mitzubekommen, was frau apelt da vorn an der tafel treibt. mein bemühen um die nachbarin entging ihr ebenfalls nicht. trieb ich es zu heftig, schaute sie mich missbilligend an. mehr nicht. kein wort, keine ermahnung. ich fügte mich der weisung des blickes.

russisch endete für mich – befriedigend.

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