Archiv für den Monat November 2015

lesebühne oktober 2015

…wurde zum dritten mal, in meinem beisein, von „fürwort“ im schöneberger café naumann-drei präsentiert. entweder höre ich besser zu, oder der wein ist stimmiger, jedenfalls war’s wiederum eine kleine steigerung zu der vorherigen septemberveranstaltung. eingeleitet wurde  der abend von den lautmalern, einem akustikgitarrenduo aus berlin. während ich diese zeilen schreibe, läuft ihre cd „hinter den fassaden“, musik zum träumen und lachen (www.lautmaler-musik.de). wer die cd erwirbt, kann im inlay alle gesungenen texte nachlesen.lautmaler

nach der klingenden eröffnung hörte ich von einem brief, vorgetragen von matthias rische. briefe, die nötig sind, die aber nicht immer abgeschickt werden.

tom kadiet las storys aus der zeit, als berlin noch viergeteilt war, z.b. checkpoint charlie, wenn die Panzer abrücken. ein mann mit sehr viel lebenserfahrung, der auch jiddisch verständlich vorträgt, in diesem fall: kurzschluss auf jiddisch. von tom lässt sich auch schon gedrucktes beziehen, wenn man etwas im netz stöbert.

tom

der folgende text – lisa und luftballons – wurde von miachael messer als profan angekündigt. der da zwischendurch lacht, das bin ich.

micha-10-15

für die liebesgedichte & liebesbeichten von liszlo ist es gut, vorher einen wein zum aufwärmen zu trinken. anschliessend geht alles runter wie öl.

die beiträge der lesebühnenveranstalter, jo lenz, michael messer und matthias rische sind eine extraklasse  und leuchten berlin bis in die dunkelsten ecken aus. jo erzählte von einem filmreifen familiendrama, das nach pause fortgesetzt wurde: wie lang ist für immer?

jo-10-15

schnell kam die pause und ein dezenter hinweis auf einen herumgehenden und zu füllenden hut.

das publikum war dankbar für zwei kurzweilige stunden und dankte mit viel applaus.

applaus

wer will, kann am kommenden donnerstag (26.11.) um  19.30 uhr die fortsetzung dieser einzigartigen leserevue im café naumanndrei in schöneberg live erleben. eine fortsetzung wird es in 2016 geben.

 

  • alle auf dieser seite erwähnten texte/songs sind geistiges eigentum der hier zitierten autoren. bei ihnen liegen alle rechte an den wiedergegebenen und zititerten passagen. die videoclips und fotos wurden von wallnuss  ( frank.wallnuss@outlook.com ) aufgenommen und für diesen blogbeitrag gefertigt, kommerzielle absichten sind mit dem blog nicht verbunden. verwertungsanfragen bitte an die vorgestellten künstler direkt richten.
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indianer,

genauer, indianerspielzeugfiguren, waren meine antwort auf die frage, was ich mir zu weihnachten wünschte. lange blieb ich demonstrativ vor dem schaufenster mit den spielzeugfiguren stehen, und verliebte mich jedesmal auf’s neue in den häuptling auf dem weissen pferd. weihnachten kam und ich bekam die indianerfiguren -ohne den häuptling auf dem weissen pferd. so ganz glücklich, war ich nicht, aber ich würde ja bald geburtstag haben. diesmal wünschte ich mir nur diesen berittenen häuptling. ich bekam einen spielzeugbauernhof. der häuptling stand immer noch im schaufenster und ich flennte wie ein schlosshund.

etwas später, ich konnte schon lesen, entzifferte ich mühsam ein kleines schild unter der berittenen häuptlingsfigur:

„nur zu dekorationszwecken“

ich konnte es lesen, aber nicht verstehen. meinen eltern war es etwas peinlich mir „dekorationszweck“ zu erklären, weil doch die schiebergrenze dicht war und es endlich, endlich allen besser gehen sollte.

das mit den dekorationszwecken hatten ich nun verstanden. hin und wieder schaute ich dennoch lüstern auf diesen stolzen häuptling mit seiner beinlangen federhaube. die zeiten änderten sich wieder mal und der kleine spielzeugladen mit der indianderfigur hatte ein schild an der ladentür:

„wegen inventur geschlossen“

diese inventur dauerte gefühlte drei jahre. dann hiess der laden schreibundspielwarengeschäft; inhaber: xyz. die indianerfigur blieb im schaufenster mit dem uralten zettel „nur-zu-dekorationszwecken“.

beim nächsten besuch in der heimatstadt, wechselte der laden wieder; jetzt in lotto-schreib-und-spielwaren; inhaber: yzx. den weisen indianer auf seinem schimmel störte das nicht, er bewachte weiterhin zu dekorationszwecken sein reservat, das schaufenster.

wieder, einige zeit später, eine namensänderung:  schreib-spiel-und-haushaltswaren hiess das jetzt also. inhaber: zxy. lotto war also eine niete. dem gealterten indianer im schaufenster war es egal.

kurz darauf wurde es dramatisch. diesmal stand an der ladentür:

„wegen geschäftsaufgabe geschlossen“.

im schaufenster stand eine weisse berittene indianerfigur mit einem kleinem vergilbten schild: nur zu dekorationszwecken.

zwischen zwei supermärkten in der stadt gibt es eine kleine baulücke. genau dort stand mal ein spielzeuggeschäft mit einer prächtigen indianerfigur im schaufenster.

p.s. der stolze häuptling aus dem schaufenster ist jetzt in den ewigen jagdgründen.

 

 

 

 

 

 

 

 

fahrrad verhaftet…

…und ich mit. „bitte folgen sie zur feststellung der personalien auf’s revier. das fahrrad…ähm das fahrrad… bekommt solange ihre mitfahrerin.“ die mitfahrerin war meine freundin, die ich, zugegeben etwas angeheitert, auf dem dem bürgersteig kichernd nach hause chauffieren wollte.

ein lustige sommerparty in einer laubenkolonie war gegen mitternacht zu ende gegangen. freundin und ich rollten auf dem herrenfahrrad einen gartenweg entlang. auf dem bürgersteig der angrenzenden straße ging es weiter. null verkehr. langsam tasteten, von hinten kommend, scheinwerfer auf uns zu. freundin bettelte, absteigen zu dürfen, wenn jetzt die bullen…ach quatsch, sagte ich: die bullen jagen verbrecher, richtige schwerverbrecher und nicht beschwipste radfahrer. das auto kam kurz vor uns zu stehen. zwei polizisten sprangen heraus: „anhalten, ihre papiere bitte!“

papiere hatten wir nicht. wir wohnten um die ecke. „wer ist der fahrzeugführer?“ ich. „haben sie eine fahrerlaubnis?“ja. „wo?“ zu hause. „können sie sich ausweisen.“ nein, aber ich wohne…“kommen sie bitte mit zur feststellung eines sachverhaltes auf das revier.“  zwei kleine schubs …und schon sass ich in dem auto ohne innenklinken und mit kindersicherung. fehlte bloss noch blaulicht und martinshorn…im revier gab es so eine zelle, ein zelle wie ich sie bisher nur aus amerikanischen filmen kannte. also, eine teil war abgesperrt mit mannshohen gittern, dahinter ich.

zwei ziemlich betrunkene krakelten darin schon rum. eine blasse frau übergab sich. ob ich mit einem alkoholtest einverstanden wäre. natürlich. „bitte, gehen sie hier genau auf diesen weissen strich lang…und jetzt, umdrehen und zurück“ eine frau mit weissem kittel erschien, band mir den arm ab, und schob mir mit nachdruck eine spritze in den arm. jetzt wurde ich auch blass und wollte mich übergeben…

der schnelltest ergab: wahnsinnige 0,5 promille blutalkohol. „…und, sie haben sich wissentlich angetrunken auf das fahrrad gesetzt?“ ich: ja. irgendeinem leitenden volkspolizisten auf dem revier war die oper jetzt doch zu  peinlich. er erklärte mich für entlassen, den sachverhalt für festgestellt und bat die erfolgreiche fahnder mich bei der nächsten streifenfahrt nach hause mitzunehmen und dort abzusetzen.

es war jetzt früher morgen.. gegen vier uhr. die sonne ging auf. papiere wollte keine mehr sehen.

zwei monate später erhielt ich noch die mitteilung, dass ein verfahren gegen mich wegen geringfügigkeit eingestellt wurde. die post kam an, da die adresse ordnungsgemäß und amtlich festgestellt worden war.

(geschehen anno 1985 im oderland)

hausvertrauensmann

nannte sich der mann im mietshaus, dem meine freundin am wenigsten vertraute. er führte das „hausbuch“. hier hatte sich jeder besucher, der über nacht beim mieter bleiben wollte, einzutragen oder eintragen zu lassen. ich selbst, habe mich nie daran gehalten und kommen, gehen, schlafen lassen, wer wollte…in meiner wohnung.

im wohnhaus der freundin, mit je acht mietern pro eingang, die auch geschlossen zur volkskammerwahl gingen, war das anders. regelmässig bekam sie stress, wenn ich die nacht bei ihr verbrachte. selbst wenn ich dass auto zwei kilometer weiter parkte, wusste der hausvertrauensmann, dass ich da war… und mich noch nicht eingetragen hatte.

als er dann endlich raus bekam, dass ich beim konsum arbeitete, fragte er, ganz so nebenbei, ob ich denn nicht mal „gelbe ware“ (bananen) für ihn besorgen könnte. sie haben jetzt eine enkeltochter und da will man doch, dass sie gesund ..ich wisse doch, eine hand wäscht …usw.

es kostete mich überwindung diese gelbe ware, die noch verdammt grün war, für ihn zu besorgen. aber ins hausbuch musste ich mich nicht mehr eintragen, nie mehr – ich gehörte jetzt dazu.

LTI

Lingua  Tertii Imperii, so nannte victor klemperer 1946 sein buch über das soeben untergegangene dritte reich. in nürnberg liefen parallel die prozesse gegen die grössten kriegsverbrecher, die sich wie selbstverständlich der sprache ihrer verflossenen macht bedienten und gleichzeitig um ihr leben winselten. aus ihrer sicht haben sie alles richtig gemacht. aber es war auch schon vorher eine andere sicht möglich. nicht ohne grund gab es im november 1918 eine revolution, nachdem millionen männer in einem raubkrieg als kanonenfetter verheizt wurden. wie es soweit kommen konnte, zeigt n.m.m. ganz gut der film von haneke, „das weisse band“. hier geht es um die generation, der urgroßeltern, großeltern, eltern. bestenfalls haben sie von den kriegsgreueln nichts gewusst. aber sie haben die sprache der kriegspropagandisten benutzt, benutzten müssen. in jedem zweiten haushalt stand neben der bibel „mein kampf“ im bücherregal. die kampfessprache war vertraut. die rhetorik dazu wird gerade in den städten ostdeutschlands auf  kundgebungen der neo-nationalen bewegung vor viel publikum getestet. das volk …, ein teil vom volk, bezeichnet sich immer gern als das volk, wenn sturmtruppstärke erreicht ist…das volk also, fühlt sich angesprochen, mit worten, die vertraut klingen. die 1000 Jahre alt zu sein scheinen. die von meinungsfreiheit gedeckt scheinen,  die auf schwindenden widerspruch zu stossen scheinen. endlich ist man wer. endlich auch im osten. man darf lügenpresse sagen und nazivergleiche bringen. sicherheitshalber muss der alte karl-eduard von s. noch daran glauben. diktatur ist diktatur.  adel mochte das volk ja auch nicht so, jedenfalls nicht den kommunistischen. und wenn da schon welche zündeln…na und, die anderen zündeln auch. wer war zuerst da: das ei oder die henne?

die sprache verrät es.

die russischlehrerin

fräulein apelt, liess uns machen, liess uns machen, wenn wir sie nicht allzusehr ärgerten. fräulein apelt war mittelgross, hatte eine kinderlähmung überstanden und ging am stock. ihr gesicht war bestimmt mal hübsch gewesen. ein paar pockennarben entstellten es etwas. auf der nase sass eine einfache rundbrille im john-lennon-look; das passte sogar zu ihren strähnigen halblangen haaren.keiner wusste, wie alt fräulein apelt tatsächlich war und warum sie nur russisch unterrichtete. später erfuhr ich, dass nicht genug schüler freiwillig französisch, was sie ebenfalls unterrichtete, lernen wollten, so dass der kurs nicht voll wurde.

pflichtfach russisch lernte nur, wer weiter als über die achte hinaus in der schule bleiben wollte, damit er irgendwie die zehnte schafft. ich hatte eine schwache hoffnung sogar die dreizehnte zu schaffen und arrangierte mich mit fräulein apelt. das fing damit an, dass ich sie konsequent frau apelt nannte. sie korrigierte mich nicht, ihre augen lächelten etwas. mehr unbeabsichtigt, so dass es in der klasse nicht auffiel, hielt ich ihr die tür auf, wenn die zeit kommen musste, da sie eintreten würde. hin und wieder trug ich ihr die hefte der klassenarbeiten ins lehrerzimmer nach. wichtig war, dass es zufällig wirkte. es gab ja noch die scharfmacher in der klasse. die, die mit ihrer abneigung gegen das fach russisch und der lehrerin dazu keinen hehl machten. die fräulein/frau apelt hin und wieder zum heulen brachten. die auf ihre dummheit stolz waren und sich nicht helfen lassen wollten. die, die wussten, dass sie sitzenbleiben oder abgehen würden. faul waren wir, die jungen durch die bank, bis auf die zwei, die das abitur machen und arzt werden wollten. die mädchen wollten kein abitur machen, waren aber sprachbegabter. ich versuchte daher, in den russischstunden mehr in ihrer nähe zum sitzen zu kommen. mein problem war, dass ich furchtbar pubertierte und in zwei mädchen der klasse gleichzeitig verliebt war. die waren auch verliebt, aber nicht in mich. jedenfalls stress genug, um nur am rande mitzubekommen, was frau apelt da vorn an der tafel treibt. mein bemühen um die nachbarin entging ihr ebenfalls nicht. trieb ich es zu heftig, schaute sie mich missbilligend an. mehr nicht. kein wort, keine ermahnung. ich fügte mich der weisung des blickes.

russisch endete für mich – befriedigend.

macht das klavier zu…

mikusch kämmet. mikusch, das war mein spitzname den ich als dreijähriger  von den bauern im dorf bekommen hatte. den bauern ging es in den ersten zehn nachkriegsjahren gut. sie hatten alles was städter in den hungerwintern irgendwie entbehren konnten. silberbesteckkästen, porzellansammlungen, goldene kronleuchter, pelzmäntel…und eben dieses schöne schwarze klavier, das keiner bespielte. nur ich. ich konnte es auch nicht. habe mich aber diesem interessanten stück möbel vorsichtig von unten genähert und nach und nach die funktionen erkundet. man lies mich machen. aber sonntags, wenn die gäste in das angeschlossene lokal des bauern kamen, in dem das klavier stand, war definitiv schluss:

macht das klavier zu, mikusch kämmet!

mein bespielen des klaviers hatte zumindest den vorteil, dass die frei laufenden hühnen des bauern wieder aus dem resonanzboden stürmten und ihre eier woanders ausbrüteten. eines tages fand ich das klavier verschlossen. der alte großbauer war verstorben. ich vermute, er war doch heimlicher fan. nur sagte man das damals noch nicht so.