sägemehl

…sagten sie dazu. da muss noch was anders gewesen sein als sägespäne. eine masse, die die reinigungsfrauen in dieser schule aus papeimern  auf die langen flure verteilten.

ja, reinigungsfrauen, im schulort sagte man reinemachefrauen, reinemachemänner, wie heute, in sportlichen latzhosen mit kanckigen po, gab es zu der zeit noch nicht. diese damen verteilten also ein irgendwas, das ähnlch wie bohnerwachs roch, auf die böden. zu dritt oder zu zweit fegten sie es wieder zusammen. danach glänzte das linoleum und roch gereinigt.

ein einziges mal, lief ich vor diesen grossen besen rum. dann wusste ich, wann sie frühstückspause, mittagspause oder feierabend hatten. ich musste mich mit diesen frauen arrangieren, denn ich hatte zeit – viel zeit. um meinen hals hing ein wohnungsschlüssel. ich war ein schlüsselkind. der schulhort war altershalber nicht mehr für schlüsselkinder zuständig. es wurde erwartet, dass man nach der schulspeisung mit seinen 11 lenzen selbständig nach hause trabt und sich um die umfänglich aufgegebenen hausaufgaben kümmert. letztlich so arbeitete, wie mutter und vater auch, den vollen achtstundentag runterreisst.

zunächst versuchte ich so lange wie möglich in der schule zu bleiben, in den räumen, die für die hausaufgaben ursächlich waren. es machte spass im erdkundezimmer die karte wieder runter zu lassen und die orte rauszufinden, die man im atlas suchen sollte. im zimmer für geschichte war alles alt. am ältesten, die schulbänke aus der schiefertafelzeit. hier roch es so intensiv nach geschichte wie im flur der bohnerwachs. mist, ich rieche frisches sägemehl!  sie hatten mich erwischt, die reinemachefrauen. eine zog mich mit einem korkenziehergriff an den ohren aus der schulbank, gab mir noch einen kräftigen schubs und drohte, mich beim hausmeister zu melden, sollte sie mich noch mal erwischen.

der hausmeister war so etwas wie ein vollziehender justizbeamter. aus irgendeinem grund hatte alle schüler von der ersten bis zur sechsten klasse angst vor ihm. die schüler von der siebenten bis zur achten ärgerten ihn. ab der neunte klasse teilten wir die zigaretten mit ihm. ich war fünfte klasse und mit dem zeichnen der blätter für die biologiehausaufagbe überfordert. der bleistift war stumpft, der spitzer verbummelt, das radiergummi abgenutzt. die so entstandene radierung sah zum fürchten aus. ich gab das blatt ab und war mit einer vier – für den guten willen – noch glänzend bedient. ähnlich waren die erfolge in der darstellenden geometrie. gegen mitte des schuljahres gaben sebastian, mein schlüsselkindschicksalsfreund und ich es auf, noch bemalte entwürfe zur belustigung der klasse abzugeben.

wir zogen es vor, dem unterricht fern zu bleiben. jeder schrieb für den anderen die erforderliche entschuldigung. das ging genau zweimal gut. ein hausbesuch des geometrielehrers stand an. wir wussten um diesen besuch und waren an diesem abend nicht da. wir versteckten uns bei bastis  verwandten im heuschuppen, zwei dörfer weiter. da musste die eltern erst mal drauf kommen. telefon und handy gab es nicht. uns verriet schlichter hunger. kurz vor mitternacht wurden wir wieder an heimatlicher stelle abgesetzt. die befürchtete züchtigung blieb aus. zu gross war die freude über das späte auftauchen der verlorenen söhne.

danach arbeitete mutter etwas weniger und meine nachschulischen leistungen wurden mütterlich strenger kontrolliert. das führte dazu, dass meine versetzungsgefährdung entfiel, aber für meinen freund sebastian ein bittere realität wurde. die spielerische zeit mit sebastian im sägemehl war vorbei.

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