im café kiehne…

…ging damals der punk ab. zu dieser zeit sagte keiner punk. es hiess: tanztee. und wir waren gerade 14, kamen mit den kurzen lederschlipsen und kurzen haaren gerade so durch die einlasskontrolle. erst nur sonntagnachmittag, später auch sonnabendabend, allerdings nicht ohne, dass wir wir dem einlasser ein bier spendierten, für das wir zusammenlegten (vierzig pfennig). in aller regel wurden schlager gespielt, aber mehr die schärfere sorte ala drafie deutscher’s marmorsteinundeisenbricht. und wir trällerten begeistert mit „…aber unsere liebe nicht“.

wir, das waren drei, vier halbwüchsige, die sich für tanzmusik interessierten (die bezeichnung für pop, vor pop). es gab auch schon einige arangements von cartney/lennon  die für die bläserlastige band im café kiehne durch den bandleader (herrn busch, xylophon) umgeschrieben wurden. diese songs waren die sternstunden eine jeden cafébesuch’s. auf die idee, mal eine weibliche person zum tanzen aufzufordern, kamen wir nicht: zu jung, zu verklemmt, zu milchbärtig. viel zu beschäftigt waren wir mit der beckenarbeit des schlagzeugers, als das wir einen blick auf ein weibliches kreisendes becken warfen.

für titel, die uns besonders gut gefielen, legten wir zusammen und spendierten dem mann am klavier ein bier, genau wie im alten kuhnsong. ausserdem war dieses lied stets die ankündigung einer pause. es war die zeit, wo die stones im tv-beatclub liefen und das brave publikum artig applaudierte. in paris war schon revolution und in berlin(west) wurde benno ohnesorg erschossen. die kommune eins entstand und linke liedermacher vermieteten arglos wohnungen an ulrike.

jungen in meinem kaff, die ihre haare länger trugen, wurden verächtlich gammler genannt und zu offiziellen staaatsfeiertagen schon mal weggefangen, wie von einem hundefänger. so hiessen dann auch spöttisch die autos in denen man zum abtransport sitzen musste. für die ganz harten dieser langhaarigen sorte gab es arbeitslager. in das wollten uns unsere eltern auch stecken…wenn wir nicht endlich mal wieder zum friseur gingen. doch dann wurde es nach und nach mode die haare länger zu tragen, gepflegt länger zu tragen. und wer will schon unmodern sein – kein mensch will das.

zwischenzeitlich hatten wir uns im café kiehne soviel know how von den bandprofis abgeguckt, dass es für ein eigenes repertoire reichte, sogar mit echten bläsersätzen…hätten wir den welche. ich zahlte ein paar märker für den unterricht bei „papa“ busch. er wirkte wirklich sehr väterlich. allerdings habe ich das wissen um den bläsersatz bis heute nicht gebraucht. die gitarrenriff’s schauten wir uns im fernsehen von keith und kollegen ab. klang aber in echt furchtbar. wir wussten zu der zeit nicht, das die gitarren dafür anders gestimmt waren. nur die pose zum spielen des riff’s, die war echt phallusmässig.

in einem kleinen park im ort fanden wir einen ungeheizten verlassenen pavillon mit funktionierendem stromanschluss. wir warben herrn busch’s dritten reservesänger ab und probten marmorsteinundeisenbricht bis zum herzaussteinerweichen.

kurz vor dem internationalen durchbruch als krautrockband wurden wir alle zum wehrdienst einberufen.

Gerhard Busch, Siegfried Unger, Heinz Einicke, Jochen Wiesner und Klaus Thelemann, zeitweise auch G. Ullrich und Hartmut Wächter, feierten mit dem Gerd-Busch-Sextett schnell Erfolge.

buschsextett im café kiehne (um 1960)

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