Archiv für den Monat September 2015

berlin-city

genauer, s-bahnhof-julius-leber-brücke …22.30 uhr. nach der lesung. gern hätte ich an diesem halbwarmen abend, noch mit vor dem cafè gesessen und die performance beredet. besonders marco, ein man zwischen 14 und 34 jahren blieb im kopf hängen. besser die zeilen aus seinem tagebuch. aber irgendwas trieb mich zum vorortzug. ich wollte heute noch ankommen. auf dem s-bahnsteig läuft eine Japanerin mit einem blauen luftballon aufgeregt hin und her. kein zug kommt. mit dem wort schienenersatzverkehr in der zuganzeige kann sie nichts anfangen. keine begrüßung, kein abschied. in der anzeige da oben steht: „bitte sev vor dem bahnhof an der südlichen bahnhofsseite nutzen.“ sie akzeptiert die anzeige nicht. irgendwann lässt sie den blauen luftballon, mit der hoffnung daran, in den nachthimmel steigen. sie nimmt ihr letztes bisschen mut zusammen und fragt, ob ich englisch spreche. ich nehme meinen zusammen…und sage yes, i can.  reicht jedenfalls, um ihr zu erklären, was südliche straßenseite und schienenersatzverkehr ist. in respektvollen abstand von zehn metern, stöckelt sie hinter mir her. nimmt aber dann den bus auf der nördlichen straßenseite. der weg war kürzer.

ich verstehe die mentalität der japaner nicht. der sev-bus auf der südlichen straßenseite , es steht sogar dran „s-bahn – südkreuz“, fährt auch tatsächlich bis zum südkreuz.

ziel 1 – ringbahn erreicht. im prinzip ist es egal, in welcher richtung man in die ringbahn einsteigt, ausser man sitzt im abzweig nach königswusterhausen, dann war’s das für die nacht. so schnell geb ich nicht auf und lasse mich nicht durch die kw-s-bahn verführen, obwohl sie zuerst da ist, wie ein verführerischer teufel oder engel (je nach konfession & fasson).

also genug zeit, um eine obligatorische currywurst auf dem oberen bahnsteig am südkreuz zu essen. und tatsächlich, die lauwarme wurst erinnert entfernt an currywurst. schon nach einer viertelstunde kommt auch die „richtige“ ringbahn und sammelt das strandgut der nacht auf:

letzte theaterbesucher, berlinbesuchende schwäbische sturm-und-drangschulklassen, deren eine hälfte sich verfuhr. erste penner, die es vom kalten bahnsteig in den zug zieht. die erfahrenen türkischstämmigen neuköllner und die unerfahrenen gerade angekommenen syrer, alle im selben wagen. der zugestiegene dünne mann, der den „straßenfeger“ verkaufen will, erfasst schnell die situation und… lässt es.  23.15 uhr am ostkreuz raus, umsteigen und richtung ostbahnhof fahren. dort gleis 1 für den vorortzug, wie immer, nehmen. nein! heute nicht wie immer.

der nächste zug fährt 4.46 uhr. jetzt ist es 23.30 ihr. ratlos gehe ich in der haupthalle auf ca. 20 sicherheitsbahnbeamte mit gelben warnwesten zu. alle verweisen mich auf die eine auskunftsberechtigte auskunft. die muss ich fragen, sagen die zwanzig sicherheitsbeamten. 23.40 uhr stelle ich mich an der auskunft an, die zum glück nur deutsch spricht… und so die ratlos anders sprechenden unbeauskunftet abziehen lässt. das bringt mir fünf minuten zeitvorteil. ich bin ein einfacher fall. mein zug fährt heute vom bahnhof lichtenberg ab 00.04 uhr. bis dahin die s-bahn nehmen, gleis neun. puh, das wird knapp. 00.02 uhr ankunft in lichtenberg, der zug steht am gleis 16. ich renne…00.04 uhr, er fährt pünktlich ab. ohne mich. kleiner zusammenbruch! alter, musst du dir das antun? …in deinem alter.

der zug ist also weg. dennoch stehen auffällig viele leute am bahnsteig. der zug, der vom bahnsteig 16 fuhr, war der verspätete zug nach cottbus, gegenrichtung. wo ich stehe, ist bahnsteig 15, der verlängerte bahnsteig 16 also, je nachdem, von welchem ende man kommt. in der anzeige steht, dass ein vorortzug 10 minuten verspätung hat. hoffnung. es ist „mein“ zug. 00.20 uhr „mein“ zug trifft nach 20 minuten verspätung ein; 00.25 uhr abfahrt.

ein neuer tag beginnt.

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es war surreal

,,,wie er so da sass, zwei bahnsteige gegenüber. er erinnerte mich sofort an den schneemann der kinderfernsehsendung „meister nadelöhr“ aus den 60igern.. mann hätte denken können, er kommt aus einem film; oder er geht in einem film. das bahnhofspersonal in seinem glaskasten auf dem bahnsteig guckte belustigt auf den mann in diesem überdicken weissen wattenanzug. zwei leute vom sicherheitspersonal näherten sich vorsichtig. sprachen ihn an. alles schien in ordnung. neben dem schneemann war ein genauso grosser rollkoffer, wahrscheinlich mit einem aufblasbaren iglu. hin und wieder kam eine s-bahn. dann sah ich für den moment des ein- und aussteigens nicht’s mehr vom schneemann. plötzlich tönten  martinshörner eines krankenwagens. genau am bahnhofsgebäude war ruhe. nur das blaulicht warf noch eigenartige schatten. der schneemann wirkte beunruhigt. ich hatte die ganze zeit die kamera schussfertig in der hand, aber der schneemann hatte mich im auge.

ungefragt wollte ich ihn nicht fotografieren. ich hätte auch nicht gewusst, in welcher sprache ich fragen sollte. der übergrosse koffer, deutete auf eine besondere reise. wieder ratterte eine s-bahn rein, den schneemann verdeckend. als die s-bahn ausfuhr ging das martinshorn erneut. der schneemann war verschwunden.

die zugbegleiter….

….haben aufgegeben, zu kontrollieren. schnell haben sich die reisenden in die gruppe der raucher und nichtraucher getrennt. die raucher sind schon schon, tage- vl. wochenlang unterwegs. nicht mehr lang bis zur ankunft in der nächsten verteilstelle im östlichsten bundesland, in eisenhüttenstadt. zum glück kennen sie den traurigen bahnhof dort noch nicht. sie halten sich mit rauchen wach. aber, das ist im zug strengstens verboten. aufgeregt fiepen die rauchmelder: da wird geraucht, da wird geraucht…es interessiert keinen. beim nächsten halt in fürstenwalde wird der zugbegleiter den rauchmelder abstellen. er will nicht noch mehr verspätung haben als so schon. heute war ein guter tag.

keiner zog die notbremse. das land verändert sich.

schlüsselkinder

…waren einfach zu erkennen, sie hatten alle diesen wohnungssicherheitsschlüssel am hals baumeln. in jeder schulklasse gab es eine handvoll davon. schlüsselkind  sein heisst, wenn du nach hause kommst, ist keiner da. entweder hast du schon in der schule gegessen oder es gibt eine anweisung, was auf dem gasherd warm zu machen ist. bei dieser gelegenheit, war gleich noch nach dem kachelofen zu sehen, die ofenasche  zu entsorgen, kohlen zu holen, die ofenglut zu kontrollieren und der ofen zu zuschrauben..

schlüsselkinder besetzten schon früh die schlüsselstellen der hauswirtschaft.

sägemehl

…sagten sie dazu. da muss noch was anders gewesen sein als sägespäne. eine masse, die die reinigungsfrauen in dieser schule aus papeimern  auf die langen flure verteilten.

ja, reinigungsfrauen, im schulort sagte man reinemachefrauen, reinemachemänner, wie heute, in sportlichen latzhosen mit kanckigen po, gab es zu der zeit noch nicht. diese damen verteilten also ein irgendwas, das ähnlch wie bohnerwachs roch, auf die böden. zu dritt oder zu zweit fegten sie es wieder zusammen. danach glänzte das linoleum und roch gereinigt.

ein einziges mal, lief ich vor diesen grossen besen rum. dann wusste ich, wann sie frühstückspause, mittagspause oder feierabend hatten. ich musste mich mit diesen frauen arrangieren, denn ich hatte zeit – viel zeit. um meinen hals hing ein wohnungsschlüssel. ich war ein schlüsselkind. der schulhort war altershalber nicht mehr für schlüsselkinder zuständig. es wurde erwartet, dass man nach der schulspeisung mit seinen 11 lenzen selbständig nach hause trabt und sich um die umfänglich aufgegebenen hausaufgaben kümmert. letztlich so arbeitete, wie mutter und vater auch, den vollen achtstundentag runterreisst.

zunächst versuchte ich so lange wie möglich in der schule zu bleiben, in den räumen, die für die hausaufgaben ursächlich waren. es machte spass im erdkundezimmer die karte wieder runter zu lassen und die orte rauszufinden, die man im atlas suchen sollte. im zimmer für geschichte war alles alt. am ältesten, die schulbänke aus der schiefertafelzeit. hier roch es so intensiv nach geschichte wie im flur der bohnerwachs. mist, ich rieche frisches sägemehl!  sie hatten mich erwischt, die reinemachefrauen. eine zog mich mit einem korkenziehergriff an den ohren aus der schulbank, gab mir noch einen kräftigen schubs und drohte, mich beim hausmeister zu melden, sollte sie mich noch mal erwischen.

der hausmeister war so etwas wie ein vollziehender justizbeamter. aus irgendeinem grund hatte alle schüler von der ersten bis zur sechsten klasse angst vor ihm. die schüler von der siebenten bis zur achten ärgerten ihn. ab der neunte klasse teilten wir die zigaretten mit ihm. ich war fünfte klasse und mit dem zeichnen der blätter für die biologiehausaufagbe überfordert. der bleistift war stumpft, der spitzer verbummelt, das radiergummi abgenutzt. die so entstandene radierung sah zum fürchten aus. ich gab das blatt ab und war mit einer vier – für den guten willen – noch glänzend bedient. ähnlich waren die erfolge in der darstellenden geometrie. gegen mitte des schuljahres gaben sebastian, mein schlüsselkindschicksalsfreund und ich es auf, noch bemalte entwürfe zur belustigung der klasse abzugeben.

wir zogen es vor, dem unterricht fern zu bleiben. jeder schrieb für den anderen die erforderliche entschuldigung. das ging genau zweimal gut. ein hausbesuch des geometrielehrers stand an. wir wussten um diesen besuch und waren an diesem abend nicht da. wir versteckten uns bei bastis  verwandten im heuschuppen, zwei dörfer weiter. da musste die eltern erst mal drauf kommen. telefon und handy gab es nicht. uns verriet schlichter hunger. kurz vor mitternacht wurden wir wieder an heimatlicher stelle abgesetzt. die befürchtete züchtigung blieb aus. zu gross war die freude über das späte auftauchen der verlorenen söhne.

danach arbeitete mutter etwas weniger und meine nachschulischen leistungen wurden mütterlich strenger kontrolliert. das führte dazu, dass meine versetzungsgefährdung entfiel, aber für meinen freund sebastian ein bittere realität wurde. die spielerische zeit mit sebastian im sägemehl war vorbei.

im café kiehne…

…ging damals der punk ab. zu dieser zeit sagte keiner punk. es hiess: tanztee. und wir waren gerade 14, kamen mit den kurzen lederschlipsen und kurzen haaren gerade so durch die einlasskontrolle. erst nur sonntagnachmittag, später auch sonnabendabend, allerdings nicht ohne, dass wir wir dem einlasser ein bier spendierten, für das wir zusammenlegten (vierzig pfennig). in aller regel wurden schlager gespielt, aber mehr die schärfere sorte ala drafie deutscher’s marmorsteinundeisenbricht. und wir trällerten begeistert mit „…aber unsere liebe nicht“.

wir, das waren drei, vier halbwüchsige, die sich für tanzmusik interessierten (die bezeichnung für pop, vor pop). es gab auch schon einige arangements von cartney/lennon  die für die bläserlastige band im café kiehne durch den bandleader (herrn busch, xylophon) umgeschrieben wurden. diese songs waren die sternstunden eine jeden cafébesuch’s. auf die idee, mal eine weibliche person zum tanzen aufzufordern, kamen wir nicht: zu jung, zu verklemmt, zu milchbärtig. viel zu beschäftigt waren wir mit der beckenarbeit des schlagzeugers, als das wir einen blick auf ein weibliches kreisendes becken warfen.

für titel, die uns besonders gut gefielen, legten wir zusammen und spendierten dem mann am klavier ein bier, genau wie im alten kuhnsong. ausserdem war dieses lied stets die ankündigung einer pause. es war die zeit, wo die stones im tv-beatclub liefen und das brave publikum artig applaudierte. in paris war schon revolution und in berlin(west) wurde benno ohnesorg erschossen. die kommune eins entstand und linke liedermacher vermieteten arglos wohnungen an ulrike.

jungen in meinem kaff, die ihre haare länger trugen, wurden verächtlich gammler genannt und zu offiziellen staaatsfeiertagen schon mal weggefangen, wie von einem hundefänger. so hiessen dann auch spöttisch die autos in denen man zum abtransport sitzen musste. für die ganz harten dieser langhaarigen sorte gab es arbeitslager. in das wollten uns unsere eltern auch stecken…wenn wir nicht endlich mal wieder zum friseur gingen. doch dann wurde es nach und nach mode die haare länger zu tragen, gepflegt länger zu tragen. und wer will schon unmodern sein – kein mensch will das.

zwischenzeitlich hatten wir uns im café kiehne soviel know how von den bandprofis abgeguckt, dass es für ein eigenes repertoire reichte, sogar mit echten bläsersätzen…hätten wir den welche. ich zahlte ein paar märker für den unterricht bei „papa“ busch. er wirkte wirklich sehr väterlich. allerdings habe ich das wissen um den bläsersatz bis heute nicht gebraucht. die gitarrenriff’s schauten wir uns im fernsehen von keith und kollegen ab. klang aber in echt furchtbar. wir wussten zu der zeit nicht, das die gitarren dafür anders gestimmt waren. nur die pose zum spielen des riff’s, die war echt phallusmässig.

in einem kleinen park im ort fanden wir einen ungeheizten verlassenen pavillon mit funktionierendem stromanschluss. wir warben herrn busch’s dritten reservesänger ab und probten marmorsteinundeisenbricht bis zum herzaussteinerweichen.

kurz vor dem internationalen durchbruch als krautrockband wurden wir alle zum wehrdienst einberufen.

Gerhard Busch, Siegfried Unger, Heinz Einicke, Jochen Wiesner und Klaus Thelemann, zeitweise auch G. Ullrich und Hartmut Wächter, feierten mit dem Gerd-Busch-Sextett schnell Erfolge.

buschsextett im café kiehne (um 1960)

eine lesung im supersommer 2015

…bei geöffneten türen des cafes „naumann3“ in berlin, veranstaltet von der lesebühne FÜR_WORT an einem der letzten augusttage. philipp taubert eröffnete mit sicher markant/charmanter stimme eine lesung des veranstalterteams (rische/messer/lenz). susanne riedel, als weiterer gast, folgte mit treffsicheren humoristischen alltagsbeobachtungen, in gewinnender art. und so ging es weiter, ob jo lenz, peter walther, michael messer oder matthias rische, jeder stand mit seiner person hinter dem vorzutragenden texten. das publikum war interessiert. an den richtigen stillen stellen.. war es sogar still.

so machte der leseabend einfach nur spass, zumal noch eine mittelprächtig lange pause zum quatschen, trinken, quatschen eingefügt wurde. wer kiezkunst in berlin mag, abseits vom mainstream, ist in der naumannstrasse  gut aufgehoben.

macher / gäste / liedermacher

jo lenz

jo lenz

michael messer

michael messer

matthias rische

matthias rische

susanne riedel

susanne riedel

den musikalischen part gestaltete der liedermacher philipp taubert. hier, der erste song:

philipp taubert