Archiv für den Monat Juni 2015

cranz 1929

der ostseebadeort kranz leuchte weiss und majestätisch an einem der warmen juliwochenenden in der sonne. die zeiten in 1929 waren aufgeheizt. hier an der ostsee konnten die königsberger  abschalten. die seebädergastronomen hatten an den sonntagen ein problem. durstige besucher aus dem nahen königsberg versprachen besten umsatz. aber, dafür stellt man kein personal ein, das die ganze woche über gläser putzt. nein, für tagesgäste nimmt man tageskellner. franz und walter, zwei junge bühnenarbeiter, wussten das. sie hatten die szene eine weile beobachtet und fassten einen plan. wie wäre es denn, wenn wir mithelfen beim bierverteilen und uns einen aushilfskellnerlohn verdienen – so der plan. diesen plan hatten viele. nichts besonderes im sontagssaisonostseebädergeschäft. sie fanden ein strandrestaurant, bekamen ihre kellnerschürze, ein kellnerportemonnaie und kellnerten fröhlich drauf los. sie kassierten drinkgelder und rechneten ordentlich ab. natürlich durften sie am kommenden heißen juliwochende gern wiederkommen. zwischenzeitlich kannte sie die zahlungskräftigsten stammkunden und bedienten im revier mit der besten aussicht auf das meer. am ende des heissen badesonntages schienen die kellnergeldtaschen fast zu platzen. noch nie hatten sie so viel geld in der hand. walter und franz waren sich einig:

auf der toilette entledigten sie sich der kellnerutensilien und mischten sich unter die beschwipst abziehenden restaurantgäste. sie stiegen in den vorortzug nach königsberg und waren in diesem restaurant nie wieder als kellner tätig – umgekehrter zechbetrug mit restaurantverbot.

p.s. an einem der folgenden heißen augustwochenden führte walter meine oma helene in eines der angesagtesten ostseebäder nach rauschen aus… und liess die kuh fliegen.

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gesehen: onkel willy

die geschichte vom onkel willy aus golzow, ist ein abendfüllender dokumentarfilm aus dem Jahre 1995. also alles zwanzig jahre her, und länger. vordergründig geht es um willy sommerfeld, ehemals der kleinste schüler der golzow-langzeit-filmschulklasse. hintergründig um winfireds und barbaras junges (die macher des films) aufarbeitung der wendegeschickte, des verschwindens der ddr. auch bei noch so geschickter oder provozierender fragestellung: der ddr dauert keiner nach. reformieren will/wollte sie auch keiner der filmbänder.

da ist z.b. willys zweite frau, jutta. eine studierte, die sich mit landwirtschaft auskennt und dem land auch. die beharrlich an ihrem glück mit dem schwer zu zähmenden willy arbeitet und es am filmende in das happyend geschafft hat. das war willy einen anruf bei den junges wert. junges wiederum kamen auf die grandiose idee diese textnachricht des anrufbeantworters in den film einfliessen zu lassen.

für mich herausragend die kurzanalayse von Jutta, die in der stadt wittenberg als landwirtschaftskundige arbeitet, bis es zur friedlichen revolution kam. aber friedliche revolution sagt sie so nicht. aber zu der zeit, vl.1989/90 ist noch genug euphorie da, um sich die neuen zeiten nicht klein reden zu lassen. es herrschte aufbruchstimmung. auch wenn es mit ihrer lpg, einer landwirtschaftlichen produktionsgenossenschaft, bei der sie auch irgendwie miteigentümer sind, zunehmend bergab geht. sie lassen sich ihren optimismus nicht nehmen. kritisch beäugt regisseur junge den neuen personalcomputer der im wohnzimmschrank versteckt ist und mit dem der kleine sohn kevin schon ein sonne malen kann. irgendwann ist onkel willy, wie er von seinem sohn genannt wird, mit partnerin jutta auf dem arbeitsamt  in gräfenhainichen. hier beträgt die arbeitslosenquote 15 %, darunter überwiegend frauen, aber nicht Jutta. jutta schult um auf betriebswirtschaft und ist schon bald abteilungsleiter in einem bau-und gartenmarkt in der region, fühlt sich wohl. 1995 wird wohl das familienauto, ein trabant, aufgegeben, geheiratet wird, und herr junge kann sie mal.

p.s. titel der dvd „die geschichte vom onkel willy aus golzow“  bezug über: absolut medien gmbh

unverschämtes glück

so heisst eine ausstellung mit fotos von robert lebeck, die zur zeit in neuhardenberg zu sehen ist. robert lebeck starb im vergangenen jahr. er wurde 85 jahre alt. lebeck war der topfotograf der fünfziger jahre in der wirtschaftswunderbundesrepublik. seine fotos beeindrucken auf faszinierende weise. nicht wegen der perfektion. das gibt es mittlerweile alles noch schöner, schärfer und bunter. nein, wegen des richtigen moments. hier wieder besonders hervorzuheben die fotografien von willi brandt und romy schneider. die ausstellung überzeugt durch die gelunge knappe auswahl. wenige fotos stehen für eine ganzes jahrzehnt, z.b. die fünfziger aufschwungjahre. oder für eine schauspielerin wie romy schneider. es ist erstaunlich, wie sehr nahe die zerbrechliche romy schneider diesen fotografen an sich heran liess. soviel natürlich privates glücklichsein, ist selbst im familiären umfeld selten so zu fotografieren. er hatte für seine fotografie ein motto: er wollte wiederkommen dürfen. er hatte aber auch diesen jägerinstinkt. wer traut sich schon, sich in einen flieger neben chomeini khomeini den iranischen revolutionsführer zu setzen? und dann auch noch zu fotografieren. und dann noch ohne turban. das ist dann neben aller kunst, das professionelle handwerk. lebeck wollte anders sein als seine fotografierenden kollegen. andere orte finden, andere zeiten. am dichtesten war er willy brandt auf den fersen. dem bundeskanzler der ende april 1971 zurücktrat, weil ein spion ihn verriet. mit verrat konnte brandt nicht umgehen. heute will man gar nicht mehr so genau wissen, wer da was spioniert, falls er von der scheinbar richtigen seite kommt. willy brandt als mensch kennenlernen, kann man dank dieser fotos sofort. seine reden muss man dazu nicht kennen.

robert lebeck hat es verstanden, mit einfachen bildern für uns eine epoche der bundesrepublik festzuhalten, die noch leicht miefte. ich verneige mich vor ihm und seinen bildern und empfehle diese auf: homage lebeck