Archiv für den Monat Mai 2015

die bewaffung der nachtigall

so heisst ein in diesem jahr herausgekommens tagebuch des ostdeutschen bandleaders klaus renft (Jentzsch)  vom buschfunkverlag. ich habe es mir nach einem konzert der immer noch existierenden band renft in der vergangen woche in jüterbog gekauft. für mich, der mit der musik dieser band pubertierte, war es schon etwas besonderes zu erfahren, wie der chef der band mit dem ich 1973 mal zusammen in berlin spielen durfte, so drauf war. alles in allem ist das buch eine geschichte vom scheitern und dem immer wieder hoffen, von den geteilten himmeln über berlin und vom musikmoloch westberlin mit  cbs (schallplatte) und amigafunktionären, von riasredakteuren, ausreisen und einem  „nieankommen“.

renft wurde noch im osten 1975 als künstlerischer leiter seiner band von allen mitglieder abgewählt. thomas schoppe (monster) bekam den hut auf … um den sich beide bis zum ableben von klaus Jentsch in 2006 persönlich und mit künstlerischen bandkonzepten stritten.

jentzsch hatte die gabe leute zu finden, die eine kraftvolle ungewöhnliche musik in leipzig anfang der siebziger jahre auf die bühnenbretter brachten. vergleichbares gab es zu der zeit nur noch in berlin mit den smarteren und abgeklärteren phudys. die band „renft“ hingegen, umgab sich mit textern wie kurt demmler (wer die rose ehrt) oder pannach (als ich wie ein vogel war) um ihre erste platte 1973 zu veröffentlichen – ein riesenerfolg. aber doch nicht riesig genug, um gegen die kulturbürokratie des ostens zu bestehen. in der band war Jentzsch der einzige musiker mit profistatus. das hatte zur folge, dass immer wieder eine sondererlaubnis für republikweites auftreten erspielt werden musste…und natürlich leicht versagt werden konnte, wenn der (politische) ton nicht stimmte. gerulf pannach und christian kuhnert (bandmitglieder) wollten sich aber auf keine (faulen) kompromisse mehr einlassen. die band war am zerreissen.

renft hatte sich 1976 entschieden, dieser auseinandersetzung durch eine heirat mit seiner griechischen freundin und der damit verbundenen ausreise nach westberlin erst mal aus dem weg zu gehen. die bandmitglieder pannach, kuhnert und schoppe folgten, gläser kurz vor dem wertewechsel.

die progressiven plätze die renft in berlin-west hätte einnehmen können, waren durch ton, steine, scherben oder lokomotive kreuzberg bestens besetzt. ausserdem probte 1977 ein paar häuser weiter ein gewisser david bowie, in den hansa-tonstudios an seiner platte heros.

 

 

 

 

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danke, frau fuchs

anfang oktober 89 bekamen wir ein zimmer im notaufnahmelager. nein, nicht marienfelde – das war dicht. da ging gar nichts mehr. richtig schön in mittelhesssen – giessen. das grosse zimmer am flurende des hauses „brandenburg“ war schon seit mitsommer besetzt. eine familie hatte es sich dort gemütlich gemacht, gemeinsam mit den flaschen vor der tür . nun gut, solange wollten wir die gastfreundschaft des hauses b. nicht in anspruch nehmen und liessen uns in hessen weiter schicken, ins knüllgebirge. klang irgendwie exotisch… und das war es auch. in einer bundeswehrkaserne wurden ein paar  blocks frei geräumt, in die wir einziehen durften. das behinderte den ausbildungsbetrieb der rekruten aber nur unwesentlich. rings um uns herum krabbelte und kommandierte es. kannte ich schon. musste ich nicht noch einmal haben.

eine freundliche frau fuchs, von beruf hauptmannsfrau, war so nett mir eine schreibmaschine zu borgen, auf der ich mein erstes bewerbungsschreiben schrieb. ja, und das reichte auch schon, um anzukommen – danke, frau fuchs.

das kleinste filmmuseum der welt

hatte gestern (17.05.2015) einen tag der offenen tür. grosser bahnhof mal wieder im dörfchen golzow im oderbruch. einige bekannte gesichter aus den dokufilmgeschichten, „die kinder von golzow“ waren life zu sehen. die weiter gealterten filmemacher auch. im übervollen vorführraum des kleinen museums wurde an hand eines letzten buches (titel: …und wenn sie nicht gestorben sind) wesentliches zu den produktionsbedingungen der letzte filme nach den wendewirren 1989 ausgesagt.

filmleute

filmleute

schlussendlich wurde das projekt weiter gefördert und die bundeszentrale für politische bildung orderte ebenfalls dokumentarisches zur zeitgeschichte.

wichtig war dem autor winfried junge diesmal, auf die geschichte der zwei jürgen aus einer einschulklasse aus dem jahr 1961 zu verweisen. einer blieb später mal sitzen und einer lebt nicht mehr. er gab zu verstehen, dass er die filme weg vom szenischen dokumentarstil hin zum  ungestellten leben entwickelt hat.

golzow und die grundschüler des jahres 1961 haben nichts heldenhaftes auch nichts besonderes. die filmgeschichte der kinder von golzow steht exemplarisch für ein stückchen land, dass es so nicht mehr gibt. dem trauerten die filmkinder auch nicht weiter nach. nur hatte ihnen keine schule erklärt, wie man sich im neuen leben und im neuen land einzurichten hat
(auch nicht dem regisseur).

filmplakat

filmplakat

etwas ratlos fragten sich die älteren besucher am museumstag,jüngere gab es kaum, wie es denn nun mit dem museum zu den filmen weiter gehen wird, wenn doch seit 2007 mit dem filmen schluss ist. und ich denke bei mir, wahrscheinlich so, wie mit der gemüseproduktion in dieser gegend.

ansichtssache g.

ansichtssache g. ist ansichtssache golzow, ein vorheriger blogbeitrag wies hin auf das thema golzow, eigentlich geht es dabei weniger um den ort, dessen charme mittelprächtig ist, als vielmehr um eine langzeitbeobachtung deren poesie wie ein dornröschenschloss in alternden filmbüchsen dahindarbt.

jede zeit hatte auch, neben ihren stürmen, ihre poesie. etwas besonderes, was nur sie hervorbrachte in diesen umständen. ein teil dieser poesie ist für mich unbedingt diese flache ackerlandschaft die von der oder  und ihren altarmen durchflossen wird. genug wasser um die gemüsefelder bunt sein zu lassen. aber zunehmend ist es der mais, der das landschaftsbild beherrscht. ich vermute, die sorte mais, die gegen alle sorten wasser gewaschen ist. was sollen die (restlichen) bauern machen. sie leben davon, was nachgefragt wird. und das scheint im moment der mais zu sein.

das biogemüse für das nahe berlin wird derweil noch aus den etwas entfernter liegenden spreewaldregion herangekarrt. will sagen: mit etwas organisatorischem geschickt, wäre es durchaus möglich, statt genmais, biologisch erzeugte gemüse – direkt vor den toren der hauptstadt (wieder) anzubauen. zum ökogedankten gehört auch immer der kurze weg. der scheint mir zwischenzeitlich zwischen all den biolabeln verschwunden zu sein.

gewächshäuser in golzow

zwischenzeitlich, wurde zum 3.3.2015 die gärtnerei als großbetriebe in golzow geschlossen.

link

das aber nur eine nebenbemerkung zu einem größeren thema – die langzeitbeobachtung. winfried junge stellte gemeinsam mit seiner frau auf der leipziger buchmesse sein letztes buch zu seinem letzten abschliessenden film vor. die frage, ob es noch irgendwie öffentlichkeitswirksam mit neuen filmen weiter gehen wird, wurde verneint. auch unendliche geschichten finden ihr ende.

nun handelt es sich bei dieser golzowgeschichte um das lebenswerk eines verdienten defa-dokumentarfilmerpaares. so eine paarung an sich ist selten. ausser der dokufilmerin eleanor copolla fällt mit ad hock keine weitere frau ein, die ihrem mann so künstlerisch nahe stand, wie diese barbara junge beim  langzeitfilmprojekt. und hier geht es zum eigentlichen thema. die beiden waren ein team, dass auch nach drehschlusss weiter an der sache dran war, überlegte, plante, entwarf. die fragen, die zu fragen waren anders stellte, anders entwarf. sie filmten unbewusst den untergang eines landes das keine fragen mehr hatte.

morgen also…

christi himmelfahrt. junge burschen werden wieder ausprobieren, wie das ist, wenn man sternhagelvoll ist. alte männer müssen keine entschuldigung finden. hier in der gegend sagt man vatertag, manchmal männertag. „christi himmelfahrt“ sagt der kommentator im radio und die person, die mit der morgenandacht dran ist. das grösste massenbesäufnis in brandenburg wird an einem brauereistandort in neuzelle gefeiert werden. massenbesäufnis sagt man höchstens hinter vorgehaltener hand. eigentlich macht man sich keine gedanken dazu. wichtiger ist, klar zu stellen, wer den bollerwagen besorgt und wer das bier .. ausserdem gibt es kultur…schlager. schlagergesang ist ja auch irgendwie kultur. auf alle fälle die, die sich noch am besten verkauft. und um verkauf geht es immer. in den rankings der angesagten magazine werden ja nicht die besten bücher geführt sondern die, die sich am besten verkaufen. um das heil seines kopfes musste man sich von je her selbst bemühen. das kennt man.

ich bin kein fan von religion…eher von geschichte. für mich bleibt der morgige tag daher christi himmelfahrt. und in diesem sinn wünsche ich alle morgen eine erleuchtung.

eine stern(en)grafilk würde es auch tun…

oGNZo

Sie ließ nun ihre Gedanken kreisen. Er oder sie solle hauptsächlich Schönes schreiben, aber auch Nützliches, am liebsten natürlich behind-the-scene aus Berlin, mit Bildern von glamourösen Partys, Selfies mit Prominenten und so, auch ein bisschen Streetart solle dabei sein, gerne Trendsportarten vor urbanen Traumkulissen oder auch malerische Landschaftsfotos. Bekannt müsse er sein, man wolle sich schließlich mit anderen über ihn austauschen und nicht gleich als Freak in ein Fettnäpfchen treten und dann einsam seine Nische pflegen. Sie sammelte sich und kam nun richtig in Fahrt. Witzig solle er sein, aber auch derbe, nicht zynisch, aber etwas narzistisch misanthrop, snobby aber doch sexuell aktiv, gerne unterschätztes, garendes Hipstermaterial, das einen immer etwas hoffen lasse, ihn ein mal kennenzulernen. Am besten habe er einen Kreativjob, sei jemand der herum komme in Europa, so ein junger, neureicher Besserverdiener, aber mit Fähigkeit zum Understatement, vielleicht mit einem Mode- oder Schuhtick. Er solle das alltägliche Leben…

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herz der finsternis – joseph conrad

herz der finsternis vom polnischen autor joseph conrad bezeichnet francis f. coppola als den anstoss, der ihn bewog „apocalypse now“ zu drehen. wahrscheinlich bedurfte es genau dieser romanvorlage um alles im ungewissen, schwebenden und zugleich mörderischem zu belassen. am ende der story weiss man über diesen ominösen kurtz nicht viel mehr als am anfang. aber er hatte ein frau, daheim in brüssel, die trauerte über alle maßen…so wie auch ein frau am kongofluss um ihn trauerte. das alles kommt im film „apocalypse now“ nicht vor und wahrscheinlich könnte man – basierend auf dieser geschichte – noch hundert andere filme drehen, denen plötzlich aufreissender flussnebel ein inferno suggeriert.