ich komme aus der …

…wir-hatten-ja-nichts-zeit. aus einem verschwundenen land. insofern bin ich in diesem land hier & heute gut angekommen. keine reue, keine nostalgie. keine trauer um die verbogenen menschen. aber manches war doch anders. weil der einkaufskampf um das alltägliche, ladenschlusszeiten bis achtzehn uhr unterworfen war. danach war schluss mit commerz. hunger hatte ich keinen. auch nicht nach bananen. ich kannte keine bananen. und die apfelsinen schmeckten fast so sauer wie die zitronen. da konnte man auch bei den überlagerten äpfeln bleiben. die wurde mit rotkohl zu salaten verraspelt. etwas zucker, essig & öl drüber, fertig war ein gesundes leben.

rotkohl gab es, meiner erinnerung nach immer. zu jeder jahreszeit. weisskohl wahrscheinlich auch. den aber eher als sauerkraut. schmeckte frisch aus einem fass ganz gut. salzgurken waren aus dem nachbarfass auch immer zu haben. das ganze zu taschengeldpreisen. grosse tüten voll für zehn pfennig. gut war, wenn du die tüte selbst hattest. die brühe vom kraut trank man auch. der erfolg war durchschlagend. in dieser wir-hatten-ja-nichts zeit gab es kaum werbung und kaum kataloge. aber schon zwei fernsehkanäle. davon hatte der eine soviel werbung von den dingen, die wir ja nun mal nicht hatten, eigentlich. über umwege dann doch. diese umwege wurden nicht gern gesehen. aber sie halfen, einen sogenannten versorgungsengpass mit umweggütern zu versorgen.

eine schlimme zeit war die, als es keinen kaffee gab, auch nicht mehr unterm ladentisch. wäre das problem nicht irgendwie gelöst wurden, wäre wohl die mauer früher gefallen. aber man liess sich was einfallen. man ahnte die sprengkraft des volkszorns. die lösung hieß moccafix und war trinkbar, wenn auch nicht genießbar – aber eben hinnehmbar, wir-hatten-ja-nichts-anderes. die leute gewöhnten sich daran. und irgendwann konnte man für viel geld  in extraläden besseren kaffee kaufen. oder wein oder metaxa oder …halberstädter würstchen. wer solche dinge im gepäck hatte, war überall gern gesehen. die mauer als solche war kaum ein thema. ich wohnte nah genug am grenzzaun. manchmal sah man leuchtraketen am nachthimmel. die grenzer rückten dann mit verstärkung aus. versuchten aber nicht mehr aufsehens als nötig zu machen. keine blaulichter. keine martinshörner.  die gefangenen verbrecher, nannte man noch grenzverletzter. die strafen waren bei einer guten geschichte und einsicht, zumindest bei minderjährigen noch am rande des erträglichen. allerdings wurden solche jungen, und es waren nur jungen, später nicht zum grenzdienst wehrdienstverpflichtet. auch ich nicht, nach zwei tagen grenzverletzerinhaftierung und einer glaubwürdigen story über das unbedarfte verlaufen. also, so eine zeit war das.

zwei fernsehprogramme. die fernsehuhr mit punkten oder strichen. dieser frage bin ich immer ausgewichen indem ich behauptete, ich würde lieber lesen. das stimmte auch – irgendwie.  anderseits haben wir sie alle gesehen. die serien dieser zeit, fury, lessie, der kapitän vom tenkesberg,  vier panzersoldaten und ein hund, hafenpolizei …alles, was eben so im vorabendprogramm mit oder ohne werbung lief. aber gegen zwanzig uhr war schluss. oder gegen halb acht. weil, die aktuelle camera konnten man sich als kind nicht antun. wurde zum glück auch nicht von meinen eltern erwartet. außerdem hatte ich meine brechtbücher aus der kinderbibliothek. die ballade von anna a. zum beispiel. ziemlich geiles zeug für einen dreizehnjährigen. auch die abenteuer des werner holt hatten unvermittelt erotik, auf seite sechzig, ohne vorwarnung. es war pflichtlektüre an der schule, neunte oder zehnte klasse. natürlich wurde nicht über diese seite sechzig gesprochen. ausserdem war die zeit ein bisschen offener, die haare etwas länger. die beatles sangen auf deutsch im ostradio brav: komm gib mir deine hand. ein singeclub wollte wissen, wo ich stehe.

auf dem rummel, am walzertraum, eine art inoffizieller disko, rockten schon die stones. ich beobachtete genau, wie der kassierer, diese kleine schwarze 45-scheibe auf den plattenteller legte, die ersten takte tönen liess und rief, wer will noch mal, wer hat noch nicht. über dem kassiererhäuschen hing das obligatorische schild „junger mann zum mitreisen gesucht“. das war mein hilfsanker – falls mal nichts mehr gehen sollte. aber – es ging immer was.

parallel zu den stones gab es auch im land bands, die deren musik gut drauf hatten und ein paar eigene deutschsprachigen texte  dazu. besser war, man sang englisch, weil- das war nicht so kritisch oder mehrdeutig. über die deutschen texte der deutschen bands, die man gern combo, gruppe oder team nannte  (team 4) wurde später im studentischen milieu stundenlang diskutiert. hatte es  eine gruppe auf eine amiga-schallplatte geschafft, sicherte ihr das popularität im ganzen ländchen. meist wurden diese platten in bücherläden verkauft und waren  auch schnell weg. gut machte sich so eine  platte als geburtstagsgeschenk auf einer studentenparty bei angehenden lehrerinnen. in erinnerung geblieben ist mir eine platte der gruppe bayon, die heute noch hin und wieder bei filmmusiken (das leben der anderen) mitwirkt. hier gab es wenig text zu besprechen. man konnte  kuscheln. das wort kuschelrock gab es noch nicht. ein musiker dieser gruppe aus kambodscha wurde später von den roten khmer getötet. meine fragen an  das land wurden andere.

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