Archiv für den Monat März 2015

ohnmacht

es kann der wind sein, es kann die technik sein, es kann der mensch sein. aus irgendeinem grund landet ein passagierflugzeug nicht mehr. am ende ist es immer der mensch. er meint, die verhältnisse so zu kennen, dass der flieger landet. aber, es gibt diesen unbestimmten moment, der menschen dazu bringt, zornig kaffeetassen umzuwerfen (harmlos) oder gegen felswände zu crashen (tödlich).  der begriff „crashpilot“ ist in diesem zusammenhang nicht neu – aber das war bisher nicht gemeint.

keiner wird je erfahren, was letztlich einen lebensmüden piloten dazu trieb, seinem jungen leben (28) ein ende zu setzen und dem hunderter anderer lebensfroher menschen auch. es kann die fliege an der wand gewesen sein – oder  tiefster seelischer schmerz. wir werden es nicht erfahren. auch das gehört zum leben.

hintergrund: am 24. märz 2015 flog ein passagierflug im willentlichen sinkflug des piloten in ein 1500 meter hohes bergmassiv.

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wacholder

in zeiten, als beiderseits der elbe alte volkslieder mit e-gitarre gespielt wurden, statt mit mandoline und texte trotzdem stimmten oder gerade wieder, in diesen zeiten nannte sich eine solche gruppe „wacholder“. machandelboom, machandelbaum sagt man im niederdeutschen zum wacholder. und wahrscheinlich hatte die folkgruppe „wacholder“ aus cottbus auch ein lied dazu im repertoire.

im vergangenem jahr erschien ein roman von regina scheer: „machandel“. der roman nimmt bezug auf ein uraltes märchen der gebrüder grimm, „der machandelbaum“. passend dazu haben die protagonisten aus berlin eine datsche, im roman katen genannt, im romantischen flecken, der passend  machandel heisst,  in der mecklenburgischen schweiz. der roman – eventuell ein gegenentwurf zu den „buddenbrooks“ – erzählt geschichten entwurzelter nach dem krieg, um 1945. ausgebombte aus hamburg, flüchtlinge aus königsberg, wohlhynier, georgier, tschechen, moldawier, russen – alle stranden in einem gutshaus in mecklenburg. darunter auch ein kommunist der einen todesmarsch aus einem kz knapp überlebt und später zusammen mit der ddr auf- und untergeht. wer sich für deutsche geschichte interessiert, die nach dem krieg hinter dem ostufer der elbe durch das land zog, erfährt sehr viel, wenn er sich auf das leicht melancholisch, nostalgische geschehen einlässt.

natürlich hat die autorin gemogelt. die meisten als geschichtlich dargestellte bezüge stimmen, sind nicht frei erfunden. auch die der figur des stasi-generalmajors kienberg nicht, der mit perfiden methoden den machterhalt einer alternden funktionärselite sicherte. ich lese was von kadettenschulen der nva. das thema ist mir zuletzt bei thomas brasch begegnet und taucht hier wieder auf. kadetten aus der naumbuger „kadette“ sind für die wendungen im land …und im buch verantwortlich. ausserdem geht es um geigenbögen und dem speziellen holz eines brasilianischen baumes, das für den guten ton unentbehrlich ist. es geht um die verschiedenen kommunistischen parteien in der weimarer zeit, z. b. eine kpo  und um verzockte parteigelder von thälmanns schwager.

manchmal erschien mir der bogen, den das buch spannte zu gross für ein glaubhafte geschichte. aber wir hatten ja nichts, ausser grossen geschichten und deren zuversicht. das buch wurde von 2008 bis 2011 entworfen und 2014 herausgebracht. es hat der autorin, regina scheer, mühe gemacht, sponsoren für ihr buchprojekt zu finden. es zeichnet sie aus, das durchgezogen zu haben. die mühen der verlagsebenen wurden irgendwann überwunden. das buch ist absolut lesenswert – und eine fünfsterneempfehlung, wäre es ein hotel. literarisch ist schon, leichteres zu diesem thema und zu dieser gegend  preisverdächtig erschienen („nach dem fest“). aber, dieser enorme stimmige geschichtliche hintergrund ist nicht zu toppen. so kann nur schreiben, wer es kennt und nicht noch  erfinden muss.

hoffentlich kommt keiner auf die idee, es verfilmen zu wollen, wie bei „der turm“ geschehen. man kann dann immer nur weglassen und das wird der geschichte nicht gerecht werden können.

ich komme aus der …

…wir-hatten-ja-nichts-zeit. aus einem verschwundenen land. insofern bin ich in diesem land hier & heute gut angekommen. keine reue, keine nostalgie. keine trauer um die verbogenen menschen. aber manches war doch anders. weil der einkaufskampf um das alltägliche, ladenschlusszeiten bis achtzehn uhr unterworfen war. danach war schluss mit commerz. hunger hatte ich keinen. auch nicht nach bananen. ich kannte keine bananen. und die apfelsinen schmeckten fast so sauer wie die zitronen. da konnte man auch bei den überlagerten äpfeln bleiben. die wurde mit rotkohl zu salaten verraspelt. etwas zucker, essig & öl drüber, fertig war ein gesundes leben.

rotkohl gab es, meiner erinnerung nach immer. zu jeder jahreszeit. weisskohl wahrscheinlich auch. den aber eher als sauerkraut. schmeckte frisch aus einem fass ganz gut. salzgurken waren aus dem nachbarfass auch immer zu haben. das ganze zu taschengeldpreisen. grosse tüten voll für zehn pfennig. gut war, wenn du die tüte selbst hattest. die brühe vom kraut trank man auch. der erfolg war durchschlagend. in dieser wir-hatten-ja-nichts zeit gab es kaum werbung und kaum kataloge. aber schon zwei fernsehkanäle. davon hatte der eine soviel werbung von den dingen, die wir ja nun mal nicht hatten, eigentlich. über umwege dann doch. diese umwege wurden nicht gern gesehen. aber sie halfen, einen sogenannten versorgungsengpass mit umweggütern zu versorgen.

eine schlimme zeit war die, als es keinen kaffee gab, auch nicht mehr unterm ladentisch. wäre das problem nicht irgendwie gelöst wurden, wäre wohl die mauer früher gefallen. aber man liess sich was einfallen. man ahnte die sprengkraft des volkszorns. die lösung hieß moccafix und war trinkbar, wenn auch nicht genießbar – aber eben hinnehmbar, wir-hatten-ja-nichts-anderes. die leute gewöhnten sich daran. und irgendwann konnte man für viel geld  in extraläden besseren kaffee kaufen. oder wein oder metaxa oder …halberstädter würstchen. wer solche dinge im gepäck hatte, war überall gern gesehen. die mauer als solche war kaum ein thema. ich wohnte nah genug am grenzzaun. manchmal sah man leuchtraketen am nachthimmel. die grenzer rückten dann mit verstärkung aus. versuchten aber nicht mehr aufsehens als nötig zu machen. keine blaulichter. keine martinshörner.  die gefangenen verbrecher, nannte man noch grenzverletzter. die strafen waren bei einer guten geschichte und einsicht, zumindest bei minderjährigen noch am rande des erträglichen. allerdings wurden solche jungen, und es waren nur jungen, später nicht zum grenzdienst wehrdienstverpflichtet. auch ich nicht, nach zwei tagen grenzverletzerinhaftierung und einer glaubwürdigen story über das unbedarfte verlaufen. also, so eine zeit war das.

zwei fernsehprogramme. die fernsehuhr mit punkten oder strichen. dieser frage bin ich immer ausgewichen indem ich behauptete, ich würde lieber lesen. das stimmte auch – irgendwie.  anderseits haben wir sie alle gesehen. die serien dieser zeit, fury, lessie, der kapitän vom tenkesberg,  vier panzersoldaten und ein hund, hafenpolizei …alles, was eben so im vorabendprogramm mit oder ohne werbung lief. aber gegen zwanzig uhr war schluss. oder gegen halb acht. weil, die aktuelle camera konnten man sich als kind nicht antun. wurde zum glück auch nicht von meinen eltern erwartet. außerdem hatte ich meine brechtbücher aus der kinderbibliothek. die ballade von anna a. zum beispiel. ziemlich geiles zeug für einen dreizehnjährigen. auch die abenteuer des werner holt hatten unvermittelt erotik, auf seite sechzig, ohne vorwarnung. es war pflichtlektüre an der schule, neunte oder zehnte klasse. natürlich wurde nicht über diese seite sechzig gesprochen. ausserdem war die zeit ein bisschen offener, die haare etwas länger. die beatles sangen auf deutsch im ostradio brav: komm gib mir deine hand. ein singeclub wollte wissen, wo ich stehe.

auf dem rummel, am walzertraum, eine art inoffizieller disko, rockten schon die stones. ich beobachtete genau, wie der kassierer, diese kleine schwarze 45-scheibe auf den plattenteller legte, die ersten takte tönen liess und rief, wer will noch mal, wer hat noch nicht. über dem kassiererhäuschen hing das obligatorische schild „junger mann zum mitreisen gesucht“. das war mein hilfsanker – falls mal nichts mehr gehen sollte. aber – es ging immer was.

parallel zu den stones gab es auch im land bands, die deren musik gut drauf hatten und ein paar eigene deutschsprachigen texte  dazu. besser war, man sang englisch, weil- das war nicht so kritisch oder mehrdeutig. über die deutschen texte der deutschen bands, die man gern combo, gruppe oder team nannte  (team 4) wurde später im studentischen milieu stundenlang diskutiert. hatte es  eine gruppe auf eine amiga-schallplatte geschafft, sicherte ihr das popularität im ganzen ländchen. meist wurden diese platten in bücherläden verkauft und waren  auch schnell weg. gut machte sich so eine  platte als geburtstagsgeschenk auf einer studentenparty bei angehenden lehrerinnen. in erinnerung geblieben ist mir eine platte der gruppe bayon, die heute noch hin und wieder bei filmmusiken (das leben der anderen) mitwirkt. hier gab es wenig text zu besprechen. man konnte  kuscheln. das wort kuschelrock gab es noch nicht. ein musiker dieser gruppe aus kambodscha wurde später von den roten khmer getötet. meine fragen an  das land wurden andere.

der mann in den ruinen

…war klein. er ging gebeugt an einem stock. dass machte ihn noch kleiner. kurz, er wirkte, wie eine hexe, nur, dass er ein mann war. alt, sehr alt war er. arbeiten musste er nicht mehr. neben dem haus vom fleischer beifuß stand in dieser vorharzstadt sein haus. besser, die reste davon. es hatte im letzten krieg, 1945, einen bombenvolltreffer abbekommen. seine familie auch. nur er hat überlebt. seitdem wohnte er hinter der eingangstür die noch stand, in zwei notdürftig bewohnbar gemachten räumen. im winter stieg aus diesen ruinen rauch auf. es wirkte, als würde der bombenangriff noch nachglimmen. im frühjahr, wenn die tage länger wurden, spielten wir, ein munteres häufchen drittklässler, manchmal verrückte sachen auf dem zerklüfteten grundstück. wir fanden verschlossene kellertüren in den grundmauern. wärmte die märzsonne schon unsere neugierig gebeugten rücken, stiegen wir in das halbdunkel der modrig, kühlen ruinenräume ein – erkundeten die beschaffenheit der vorhängeschlösser. hinter diesen angerosteten dingern musste ein geheimnis sein. aber, bevor wir je ansatzweise dahinter kamen es zu knacken, war der alte mann, wie von geisterhand hinter oder vor uns. jeder behauptet etwas anderes. manche meinten, sie hätten einen schlag, besser ein schlägchen, abbekommen. aber dann war es doch nur eine schramme vom hagebuttenstrauch an der kellertreppe. allein ging keiner von uns dahin.  mindestens zu dritt gingen wir…besser, trauten wir uns.

auf unsere klingelstreiche reagierte der alte mann schon lange nicht mehr. er muss wohl in einem dieser ewigen sommer der kindheit verstorben sein.

ansichtssache golzow

frühjahrssturmwolken in golzow

sturmwolken im oderbrach, bei golzow (2015)

golzow ist ein flecken im oderbruch, seit 1992 eine amtsgemeinde. in letzter zeit ist dieser ort bekannt geworden durch einen weltrekord. ein langzeitfilmprojekt dass 1961 mit einer einschulung in der schule von golzow startete, ging 2007 zu ende. die gegend um golzow bietet nichts, was zum bleiben einlädt, wenn man kein leibundseelebauer ist. den kindern, die 1961 eingeschult wurden, sollte eine ko(s)mische zukunft um die ohren fliegen, von der sie noch lange erzählen würden. und so geschah es. vor allem 1989. dem erneuten wenderjahr im osten. vierundvierzig jahre vorher war das letzte wendejahr. golzow lag im frontabschnitt der seelower  höhen und wurde mit dem vorrücken der roten armee vollständig geräumt. die abziehende wehrmacht sprengte die kirchen der umgebung und in golzow. der blick auf die frontstellungen bei seelow sollte schwer sein. es nutzte nichts. mitte april 1945 wurden die seelower höhen durch die sowjets gestürmt. jeder zweite kämpfende soldat starb. egal auf welcher seite, mehrere tausend jeden tag. der letzte weg zum sieg nach berlin, entlang der heutigen b1, war frei. zurück blieb eine ruinenlandschaft in die nach und nach wieder leben einzog.

schlacht bei seelow 1945

grafik- kampfzone golzow

im zuge einer bodenreform erhielten landlose einheimische und neuankommende flüchtlingsbauern land, hauptsächlich von enteigneten großgrundbesitzern und geflüchteten großbauern. nach der zweiten gründung einer deutschen republik überlegte man, wie man alles land wieder kollektivieren könnte. nicht jedem schmeckt das. einige setzten sich über das nahe ostberlin im august 1961 ins genauso nahe westberlin ab. alle anderen bauern machten jetzt in der lpg (landwirtschaftliche produktionsgenossenschaft) mit. in der lpg wurde mit rinderoffenställen experimentiert. manche rinder froren in zu kalten mainächten am boden des offenstalles an. die regierende partei hatte sich geirrt. die ställe bekamen nun eine mauer und ein geschlossenes dach, wie es sich für einen stall gehört – experiment „redbull“ gescheitert. im september 1961 werden die kinder von golzow eingeschult. alle zäune und grenzen im land sind dicht. keiner kann mehr aus dem experiment sozialismus fliehen. eine neue ära beginnt. niemand hatte die absicht eine mauer… die defa (ostdeutscher filmproduzent mit monopol) will/soll zu den gefestigten verhältnissen einen soliden beitrag leisten und beginnt, die neu heranwachsende generation auf dem lande zu beäugen. die kinder einen dorfschulklasse werden zu serienhelden erkoren. ein erster kurzfilm entsteht 1961: „wenn ich erst zur schule gehe“. im laufe der zeit bis 2007 werden ca. dreihundert mitarbeiter in die filmproduktion eingebunden. das projekt steht mehrmals auf der kippe. anderseits heimst es internationale filmpreise ein. man wird auf die langzeitkünstler der defa und den ort golzow aufmerksam. man ist bekannt. der name winfried junge wird mit orden behängt. die brust schwillt etwas an. die kritischen fragen des regieführenden herrn junge sind meist kritisch optimistische fragen. was nicht ist, wird schon noch werden. es wurde nichts. es kam 1989 (wieder) zum großen knall. alle hatten die absicht, eine mauer zu überwinden. 1992 entsteht eine erster bestandsaufnehmender film nach dem mauerfall: „drei jahrzehnte mit den kindern von golzow“. eine nabelschau im angepassten outfit beginnt. nicht jedem stehen die jeans. weisse tennissocken blinken die neunziger jahre ein. das filmkind gudrun, vor 1989  zur bürgermeisterin der nachbargemeinde genschmar avanciert, wird 1991 aus dem projekt aussteigen. sie wird in die steuerberatung einsteigen, vermerkt der chronist junge im film über gudrun. ein letzter filmschnipsel zeigt sie lächelnd vor dem elternhaus. seiner chronistenpflicht kommt der regisseur junge, bei aller, für andersdenkende befremdlich wirkender parteilichkeit, dokumentarisch nach. er will veränderungen aufspüren. nach möglichkeit die gewünschten. gemeinsam mit den filmkindern erlebt er einen systemwechsel der seine fragen in den folgenden filmen nachdenklicher werden lässt. winfried junge wird im Jahr 2015 achtzig jahre werden. sein lebenswerk wird er bis zum letzten atemzug im auge behalten. ein teil davon ist im filmmusuem in golzow zu besichtigen.

filmmuseum in golzow

filmmuseum in golzow

kopie

kopie zum dokumentarfilm

kopie zum kokumentarfilm

analoger ton- & bildschnitt

analoger ton- & bildschnitt

vor golzow

vor golzow, märz 2015

kirche

relief der alten kirche von golzow (bis 1945)

alte oder bei golzow

alte oder bei golzow

schule

schule der kinder von golzow